10 Jahre Gemeinwohl-Ökonomie (GWÖ) – Wirtschaft punktet mit Werten

Gemeinwohltouren durch Salzburg

Die Gemeinwohl-Ökonomie (GWÖ), eine in Österreich gegründete und mittlerweile weltweit aktive Gruppierung aus Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Zivilgesellschaft, die für Werte- und Gemeinwohl-Orientierung in der Wirtschaft eintritt, feiert heuer ihr 10-jähriges Bestehen. Aus diesem Anlass organisierte die Regionalgruppe Salzburg zwei Gemeinwohl-Touren durch Stadt und Land Salzburg und machte auf dem Weg Station bei einigen Gemeinwohl-Unternehmen des Landes.

Zukunft des Wirtschaftsraums Oberpinzgau

Am Freitag, 9. Oktober, war der Start der Pinzgau-/Pongau-Tour bei Fahnen-Gärtner, in Mittersill. Gerald Heerdegen, der das Unternehmen bereits in dritter Generation führt, betont, wie wichtig es für ihn ist, in der Region gut verankert zu sein. ’Die Gemeinwohlbilanz ist für uns endlich eine Möglichkeit, unsere werteorientierte Form des Wirtschaftens zu beschreiben und nach außen kommunizierbarer zu machen’, so Heerdegen. Der Mittersiller Unternehmer, Hans Peter Mauerer / Sehen & Hören Maurer, ebenfalls gemeinwohlbilanziert, fühlt sich durch die Gemeinwohl-Bilanzierung bestärkt in seinem Engagement, möglichst regional zu wirtschaften. Er hat es mittlerweile auf ca. 70 % europäischem Einkaufsvolumen für seine Produkte geschafft, was in einer Branche, in der es wie in vielen anderen Bereichen großteils Produktionsstätten in Asien gibt, ein enorm hoher Wert ist. ‘Wir merken, dass es die Kunden schätzen, wenn wir erzählen können, dass die Brille in Europa produziert wurde’, meint der Optikermeister und ‘das bestärkt auch meine Mitarbeiter*innen, diese Hintergrundinformationen zu erzählen!’. Unisono sind sich alle Unternehmer einig, dass es sich auf vielen Ebenen bezahlt macht, gemeinwohlorientiert zu agieren – und das auch offen nach innen und nach außen zu kommunizieren. Andreas Moreau / Mode Moreau, Kaprun, Christian Draxl / Gandler Risk Management und Christian Eder / Biohotel Castello, Königsleiten diskutierten an dem Vormittag noch gemeinsam mit Gerald Heerdegen und Hans Peter Maurer mit drei Schülergruppen der HAK Zell am See und Tourismusschule Bramberg darüber, wie die Zukunft des Wirtschaftsraums Oberpinzgau aussehen kann und welche Zukunftsperspektiven es für junge Menschen in dieser Region gibt. Wichtig ist den Schüler*innen, dass sie mitreden und mitgestalten können. Dieser zukünftigen Herausforderung sind Gemeinwohl-Unternehmen gewachsen, weil Transparenz und Mitentscheidung eines der zentralen Elemente in einer Gemeinwohl-Bilanz darstellt und Maßnahmen und Methoden dafür vorhanden sind.

Am Nachmittag stand dann ein Besuch in der Buchbinderei Fuchs, in Saalfelden, auf dem Programm. Das zentrale Thema war dort die gemeinwohl-orientierte Aus- und Forbildung von Mitarbeiter*innen. Wer sinnstiftende Angebote zu bieten hat, wird in Zukunft, im Wettbewerb um hochqualifizierte und motivierte Mitarbeiter*innen die Nase vorne haben. Wolfgang Schäffner, Leiter des Studien- und Management Centrums Saalfelden berichtete über wissenschaftliche Erkenntnisse und Hintergründe, zu den Auswirkungen eine gemeinwohl-orientierte Mitarbeiterführung und wies auf eine im letzten Jahr gestartete Langzeitstudie hin, die dazu weitere Erkenntnisse bringen wird. Christian Fuchs spannte dann den Bogen weiter zum analogen Handwerk und zeigte in seiner Druckwerkstatt der grafischen Künste, wie sinnvoll und innovativ die Handwerkskunst eingesetzt werden kann. ‘Wir merken, dass sich auch jüngere Menschen immer wieder dazu informieren und Interesse haben, wieder ein Handwerk zu erlenen. Wir bieten hier bei uns noch Ausbildungsplätze an, weil wir davon überzeugt sind, dass das Handwerk Zukunft hat – und braucht.’, so der Inhaber der Buchbinderei Fuchs.

Den Abschluss am Freitag bildete der Themenkomplex zur Gestaltung der Gemeinwohl-Region Pongau, mit Wirtschafts-, Kultur- und Sozialbetrieben der Region. Christof Bader / Kachelöfen und Fliesen Bader, Bad Gastein, nutzt die Gemeinwohl-Bilanz dazu, in Verhandlung mit Lieferanten nicht über den Preis zu diskutieren, sondern die Qualität seiner Arbeit ins Zentrum zu rücken. ‘Ich fühle mich in meinem werteorientierten Selbstverständnis durch die Gemeinwohl-Bilanz bestärkt und zeige sie in Verhandlungen auch her, mit der Bemerkung, dafür stehen wir und diese Qualität hat ihren Preis.’ Für Martina Simoncic, Leiterin des PAP in Schwarzach, ist das Thema als sozio-ökonomischer Betrieb ein sehr naheliegendes. Dennoch nehmen sie und ihr Team die Erstellung der Gemeinwohl-Bilanzierung ebenso als bestärkenden Rückenwind wahr. Der Kulturverein Schloss Goldegg, der Veranstaltungsort dieser Station der Gemeinwohl-Tour, ist ebenfalls gemeinwohl-bilanziert. Cyriak Schwaighofer und sein Team haben den Prozess zur Erstellung der Wertebilanz sehr interessant gefunden, vor allem auch, den Austausch mit den anderen Peer-Teilnehmer*innen der Workshopreihe. ‘Man bekommt unglaublichen Einblick in die Art und Weise, wie diese Betriebe agieren, welche Herausforderungen da sind und wie sie denen begegnen. Das hat mich sehr beeindruckt.’

Gemeinwohl-Tour bei Leitbetrieben der Stadt Salzburg und Flachgau

Am Samstag, 10.10., ging dann der zweite Tag der Gemeinwohl-Tour im Hotel Kaiserhof, in Anif los. Richard Absenger, für den neue Formen der Mobilität schon seit vielen Jahren ein Thema sind, bot den Rahmen für die Diskussion zur Gestaltung der Mobilität der Zukunft. Diskutiert wurde auch, wie sich das Mobilitätsverhalten jüngerer Menschen verändert und welche Angebote es dazu zukünftig braucht. Mit dabei am Podium war die Anifer Bürgermeisterin Gabriella Gehmacher-Leitner, die sich in ihrer e5-Gemeinde sehr dafür einsetzt, für die nachfolgenden Generationen ein lebenswertes Umfeld zu gestalten und zu sichern. Ein nächster Programmpunkt des Tages fand im Bildungszentrum St. Virgil statt. Hier spielte Christian Schwab, Leiter der Kursreihe ‘enkeltauglich leben’, einen Durchgang seines ‘Spieles’, wie man im Privatleben Gutes im Alltag tun kann, mit den anwesenden Teilnehmer*innen. Dieser sehr unterhaltsame und auch sehr lehrreiche Veranstaltungszyklus wird in regelmäßigen Abständen im Virgil abgehalten. Nähere Informationen dazu gibt es im Onlinekatalog des Bildungszentrums.

Anschließend ging es weiter ins HOTEL & VILLA AUERSPERG, wo der Mitbegründer der Gemeinwohl-Ökonomie, Christian Felber am Podium Rede und Antwort zu seinen Ansätzen aus seinem Buch ‘This is not economy’ stand. Er diskutierte gemeinsam mit Bettina Wiesinger, der Inhaberin des Hotel & Villa Auersperg und Eric Decker, einem Vertreter der Bewegung ‘Rethinking economics‘, die sich im deutschsprachigen Raum als ‘Netzwerk plurale Ökonomik’ formiert und die an den Universitäten mehr Vielfalt in der ökonomischen Lehre fordern, über wirtschaftliche Zukunftsvisionen. Bettina Wiesinger sieht dabei in der werteorientierten Mitarbeiterführung einen wichtigen Ansatz, der in ihrem Haus noch verstärkt wird, durch das eigens entwickelte Mitarbeiterbeteiligungskonzept, das sie bereits seit fünf Jahren sehr erfolgreich umsetzt. Christian Felber erklärte am Ende der Diksussion noch einmal den Titel seines Buches ‘This is not economy’, der sich aus der Definition von Aristoteles ergeben hat. Der griechische Philosoph bezeichnete die Ökonomik als ‘Hausverwaltungskunst’ und die reine ‘Kunst des Gelderwerbs’ nannte er Chrematistik. Daher wäre das, was wir derzeit an Wirtschaftssystematik erleben, mit dem reinen Fokus auf monetärere Gewinnerzielung, keine Ökonomie, sondern eben Chrematistik. Damit ist die ‘Gemeinwohl-Ökonomie’ ein tautologischer Begriff – aber eine sehr positive Form davon. Am Abend fand dann in Obertrum, zunächst in der Trumer Privatbrauerei, mit einer Brauerei-Führung und anschließend im Braugasthof Sigls, mit einer gebührenden Geburtstagsfeier, der krönende Schlusspunkt der 10-Jahre-GWÖ-Feierlichkeiten statt. Musikalisch begleitet wurden die Geburtstagsfeiern vom Duo ‘GUTMENSCH’, die mit zeitkritischen Eigenkompositionen und ebensolchen Coverversions bekannter Stücke, einen passenden künstlerischen Rahmen boten.

Ursprung und Status der Gemeinwohl-Ökonomie

Die Gemeinwohl-Ökonomie basiert auf Ideen des Publizisten und Autors Christian Felber und wird seit dem Start im Jahr 2010 durch die Anwendung in der Praxis stetig weiterentwickelt. Aktuell umfasst die Bewegung weltweit rund 11.000 Unterstützer*innen, 4.800 Aktive in über 180 Regionalgruppen, 35 GWÖ-Vereine, etwa 600 bilanzierte Unternehmen und andere Organisationen, 60 Städte und Gemeinden sowie 200 Hochschulen, die die Vision der Gemeinwohl-Ökonomie umsetzen und weiterentwickeln. Im Bundesland Salzburg haben bereits an die 50 Betriebe eine Gemeinwohlbilanz erstellt.

Ziele der Gemeinwohl-Ökonomie

Ziel der Gemeinwohl-Ökonomie ist es, das vorherrschende neoklassische Wirtschaftsmodell, das rein finanzorientiert ausgerichtet ist, zu einem ganzheitlich werteorientierten Wirtschaftsmodell weiterzuentwickeln.

Das Neue an diesem Modell ist, dass der Erfolg eines Unternehmens zukünftig nicht mehr nur in den Gewinn- oder Verlustzahlen dargestellt wird, sondern auch transparent zu machen ist, wie Gewinne erwirtschaftet und verwendet werden. Die dazu entwickelte Gemeinwohlbilanz, als Kern der GWÖ, ermöglicht den ganzheitlichen Blick auf ein Unternehmen hinsichtlich der Auswirkungen der Tätigkeiten auf alle Berührungsgruppen (von den Lieferanten bis zur Gesellschaft) und die Natur. Die darin behandelten Werte und Themenbereiche, decken sich auch mit den von den Vereinten Nationen (UN) entwickelten SDG (Sustainable Development Goals) und stellt damit einen anerkannten Berichtstandard für die von der EU ausgegebene NFI-Richtlinie für die nichtfinanzielle Berichterstattung (non-financial reporting) dar.

In der Gemeinwohlbilanz ist Erfolg damit mehr als der monetäre Gewinn, es geht um einen respektvollen Umgang, soziale Gerechtigkeit, ökologische Nachhaltigkeit und ein entsprechendes Maß an Möglichkeiten der Mitentscheidung aller Beteiligten.

Das volkswirtschaftliche Ziel ist es, die Verteilungsgerechtigkeit zu erhöhen, den Ressourcenverbrauch einzuschränken und die regionale Wertschöpfung zu stärken. Dies sollte auch steuerlich entsprechend begünstigt werden.

Zahlreiche Unternehmen in Salzburg ziehen bereits Gemeinwohlbilanz

Zu den Leitbetrieben der Gemeinwohl-Ökonomie in Salzburg, der Trumerprivatbrauerei, in Obertrum und Fahnen-Gärtner, in Mittersill, haben bereits zahlreiche weitere kleinere und mittlere Betriebe aus unterschiedlichen Branchen eine Gemeinwohlbilanz erstellt. Diese nicht-finanzielle Berichterstattung ist noch freiwillig und wird einerseits als ein Zeichen Pro einem bewussten, werteorientierten Wirtschaften, andererseits auch für eine gezielte, nachhaltige Weiterentwicklung des eigenen Unternehmens geleistet. Die Sinn- und Werteorientierung, die vor allem bei zukünftigen Generationen an Mitarbeiter*innen im Vordergrund steht, entwickelt sich zunehmend zu einem Wettbewerbsvorteil der Gemeinwohlbetriebe. Details zu den Betrieben und Hintergründen dazu wurden in der am 7.7. dieses Jahres abgehaltenen Pressekonferenz transparent gemacht und können auf der Website der Gemeinwohl-Ökonomie nachgelesen werden:

Zur Presseinformation

Link zu Bildern der Touren:

9.10.2020

https://www.flickr.com/photos/170400607@N06/albums/72157716373460702

10.10.2020

https://www.flickr.com/photos/170400607@N06/albums/72157716369386806

Details dazu:

9.10.

  • Harald Thurner, Gemeinwohl-Berater - Moderator bei Fahnen-Gärtner
  • Sabine Lehner, Gemeinwohl-Beraterin – Vortrag bei Fahnen-Gärtner
  • Podium bei Fahnen-Gärtner : Andreas Moreau, Christian Daxl, Hans Peter Maurer, Gerald Heerdegen
  • Saalfelden : Wolfgang Schäffner/ Studien- und Management Center Saalfelden, Chritsian Fuchs / Buchbinderei Fuchs, Sabine Lehner / Gemeinwohl-Beraterin Salzburg, Harald Thurner / Gemeinwohl-Berater, Mittersill
  • Podium in Goldegg : Cyriak Schwaighofer / Kulturverein Schloss Goldegg, Armin Schmelzle / Gemeinwohl-Berater, Salzburg, Martina Simoncic / PAP Schwarzach
  • 2. Bild Podium Goldegg : Martina Simoncic / PAP Schwarzach + Christof Bader / Kachelöfen und Fliesen Bader, Bad Gastein
  • Tortenanschneiden: Sabine Lehner / Gemeinwohl-Beraterin + Martina Simoncic / PAP Schwarzach
 

    10.10.

  • Gabriella Gehmacher-Leitner / Bürgermeisterin Anif + Richard Absenger / Inhaber Hotel Kaiserhof, Anif
  • Moderator Armin Schmelzle / Gemeinwohl-Berater Salzburg
  • Auf den eMotorrädern : Gerald Siebenhandl / Gymnasium St. Johann, Ursula Spannberger / Gemeinwohl-Beraterin, Salzburg, Richard Absenger / Hotel Kaiserhof, Anif
  • an der Pinnwand : Christian Schwab, Mitglied der GWÖ Regionalgruppe Salzburg und Kursleiter ‘Enkelgautlich leben’
  • im Hotel & Villa Auersperg : Christian Felber / Mitbegründer der GWÖ, Eric Decker / Vertreter von ‘Rethinking economics’, Bettina Wiesinger / Hotel & Villa Auersperg
  • Geburtstagstorte : Christian Felber